Man kann das Volk nicht lieben, ohne die Bour­geoisie zu hassen

Dieser Text ist eine Reflexion auf die Debatte um die Epstein-Files. Hier ist er als PDF.

Man kann das Volk nicht lieben, ohne die Bourgeoisie zu hassen. Man kann sich nicht auf den Standpunkt der Arbeiterklasse und der anderen revolutionären Klassen stellen, ohne dass sich dieser Standpunkt als Gefühl der Liebe zum Volk geltend macht. Man kann sich nicht auf den Standpunkt der Arbeiterklasse stellen, die Weltanschauung des Marxismus annehmen, und das Volk lieben, ohne die Bourgeoisie, die die Arbeiterklasse und die Völker der Welt ausbeutet, unterdrückt, miss­handelt und abschlachtet, zu hassen. Genauso wenig kann man sich auf den Standpunkt der Bour­geoisie stellen, sie affirmieren, sie entschuldigen, ohne die Arbeiterklasse und die Völker der Welt zu hassen, zu verachten, zu erniedrigen. Es gibt auch keine Äquidistanz.

Epstein war ein Agent oder Asset von CIA und Mossad. Er war von dem OSS-Agenten Donald Barr trotz mangelnder Qualifikation an einer Eliteschule als Lehrer angestellt, knüpfte darüber Kontakte in die Bourgeoisie, und erlangte dadurch Zugang zu einer Stelle als Investmentbanker. Er war an der Iran-Contra-Affäre beteiligt, und verwaltete das Geld von Adnan Khashoggi. Er war mit dem Top-Spion Robert Maxwell, der Waffen für die Nakba besorgt hat und die Schulbuchverlage der USA kontrollierte, und dessen Tochter Ghislane Maxwell verbandelt. Er beging mehrfach Finanzbe­trug im großen Stil und kam immer glimpflich davon. Er organisierte sexuellen Missbrauch von Minderjährigen im großen Stil und war der Zuhälter für perverse Bourgeois aus der ganzen Welt, und sammelte dadurch Informationen für CIA und Mossad, um die Interessen der imperialistischen Bourgeoisie der USA durchzusetzen. Jeffrey Epstein war Teil des tiefen Staats1 in den USA, der die Staatsräson über Jahrzehnte aufrechterhält, strategisch plant und durchführt. Und sein angeblicher Selbstmord wurde von William Barr, dem Sohn von Donald Barr, untersucht.

Auf dieses Geschehen zu reagieren, indem man sagt: „Das Patriarchat ist ein allgemeines Problem. Alle reden über Epstein, aber was ist mit deinem Onkel?“, ist keine kritische Analyse des Patriar­chats, sondern eine die Bourgeoisie entschuldigende Abwehr, und eine blanke Verachtung der Op­fer. Und es ist einfach nicht wahr.

Es gibt ein allgemeines Problem von sexueller Gewalt im Patriarchat, und auch von Kindesmiss­brauch. Denn die materiellen Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft bringen bürgerliche Ideo­logie und dadurch vermittelt bürgerliche Praxis hervor, die die Gesellschaft reproduziert; und die herrschende Meinung ist die Meinung der Herrschenden. Die Bourgeoisie benutzt ihre Macht über die Mittel zur Verbreitung von Gedanken für die aktive ideologische Degeneration. Es ist aber schlichtweg nicht wahr, dass das normal wäre, was aus den Epstein-Files, den Zeugenaussagen und journalistischen Recherchen hervorgeht. Wir sind nicht so. Die Arbeiterklasse ist nicht so. Das Volk ist nicht so. Das ist widerlich. Das ist pervers. Das ist die Moral des Feindes. Die Betonung von Kindesmissbrauch in anderen Klassen als der imperialistischen Bourgeoisie ist ein Versuch die Qua­lität des Grauens zu relativieren, und die Bourgeoisie zu entschuldigen.

Der ideologische Grund dafür ist, dass die Pseudomarxisten, die das tun, nicht auf dem Standpunkt der Arbeiterklasse stehen, keine Marxisten sind, und Volk und Klasse nicht lieben. Sie wollen sich mit der Bourgeoisie versöhnen, und sie wollen irgendeine abstrakte, träumerische Revolution, bei der mit dem Skalpell ganz exakt und präzise, nur genau so viel Gewalt angewendet wird, wie unbe­dingt nötig. Sie teilen die antikommunistische Angst vor den Massen, sie lehnen den Exzess der re­volutionären Gewalt ab, sie vertrauen den Massen nicht, und deshalb glauben sie, das Wichtigste, was man nach der Veröffentlichung der Epstein-Files machen kann, ist, gegen die moralische Ver­achtung der Bourgeoisie ins Feld zu ziehen, und dem Volk zu sagen, es solle sich mal an die eigene Nase fassen.

Das ist genau die falsche Antwort. Man muss den Massen sagen: Seht genau hin! Seht, wer uns re­giert! Seht, was für degenerierte, von Macht und Reichtum berauschte Monster die Geschicke die­ser Welt bestimmen! Seht, sie sind der Feind! Seht, sie sind das Gegenteil von uns! Seht, sie verdie­nen alle Schrecken, die über sie kommen werden, wenn wir zur Tat schreiten, wenn wir uns befrei­en, wenn wir sie niedermachen! Seht, diese Gesellschaft ist am Ende! Denn ja, wir sind besser! Wir sind die Zukunft! Wir sind die Hoffnung der Menschheit! Wir sind gut! Sie sind die Vergangenheit! Sie sind die Verzweiflung! Sie sind schlecht! Und ja, wir werden sie vernichten, und dieser ganze Abschaum in den Banken und Konzernen, in den Parlamenten und Kabinetten, sie alle verdienen, was die Revolution für sie bereit hält.

Außerdem muss noch auf einen sehr dummen theoretischen Fehler eingegangen werden, der aus der Tradition der „Neuen Linken“ kommt, und besonders in Deutschland durch linksbürgerliche Antise­mitismuskritik Verbreitung fand. Die deutschen Linken tun so, als gebe es die Bourgeoisie bloß als Klasse an sich, aber nicht als Klasse für sich. Denkt ihr alle, ihr seid irgendwelche erkenntnisprivi­legierten Intellektuellen, die durch göttliche Eingabe verstanden haben, dass es Klassenkampf gibt, und man Revolution machen muss? Glaubt ihr ernsthaft, die Bourgeoisie hat nicht verstanden, dass es Klassenkampf gibt, und man aktiv und präventiv Konterrevolution machen muss? Glaubt ihr ernsthaft, die Bourgeoisie verfolgt keine aktiven Pläne, um den Marxismus zu bekämpfen? Glaubt ihr ernsthaft, die Bourgeoisie als herrschende Klasse existiert nicht als klassenbewusste Klasse für sich? Die Epstein-Files geben ausführlich Einblick in ein Netzwerk von Bourgeois, die sehr klas­senbewusst versucht haben, ihre strategischen Interessen an Machterhalt und Profit zu verfolgen, in­dem sie eine bürgerlich-individualistische Linke (Noam Chomsky) und rassistische Rechte (4Chan, Steve Bannon) fördern. Das heißt nicht, dass Ideologie nicht das Produkt einer gesellschaftlichen Praxis ist. Das wäre platt. Aber so zu tun, als wäre die herrschende Meinung nicht die Meinung der Herrschenden, ist naiv und strunzdumm.


1 „Die Kontinuität zur Ausführung aller für das Kapital notwendigen Funktionen wird – über alle Regierungswechsel hinweg – durch den „Tiefen Staat“ gewährleistet. Dieser setzt sich zusammen aus langjährigen Mitarbeitern im Geheimdienst- und Militär-Apparat, der Justiz, der Ministerialbürokratie, sowie Vertretern der Monopolkonzerne. Sie sorgen für die langfristige Kontinuität der deutschen imperialistischen Strategie, auch wenn das wechselnde Spitzenpersonal (MinisterInnen und parlamentarische Staatssekretäre) Einfluss auf das taktische und operative Tagesgeschäft nimmt. Eine zentrale Rolle im Tiefen Staat spielen die Geheimdienste (siehe unten). Ihre Arbeit dient der systematischen Sammlung von Informationen, der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Spionage, der Einschätzung von Entwicklungen z.B. auf dem Gebiet der Innen- und Außenpolitik und der konterrevolutionären Tätigkeit durch Zersetzung, Integration, Repression und Terror gegen die ArbeiterInnen- und politische Widerstandsbewegung. So unterhalten die Geheimdienste ein weites Netzwerk von InformantInnen in den Reihen der kapitalistischen Unternehmen, aber auch in anderen staatlichen Institutionen (Bundeswehr, Polizei, Verbänden, politischen Parteien und Gewerkschaften) um die strategische Ausrichtung zu gewährleisten.“ zit. n. https://komaufbau.org/der-deutsche-imperialistische-staatsapparat/

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